Sprachförderkonzept

Grundsätzliches
Sprachliche Fähigkeiten sind entscheidend für Schulerfolg und Bildungschancen, für die beruflichen Möglichkeiten und für eine aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Wir wissen heute, dass das günstigste „Zeitfenster“ für das Erlernen der Sprache weit vor der Einschulung liegt. Neben der Familie haben deshalb die Kindertageseinrichtungen eine zentrale Aufgabe: Je besser die Sprach- und Sprechentwicklung im Elementarbereich gelingt, desto besser sind die Voraussetzungen für eine soziale Orientierung und eine erfolgreiche Mitarbeit in der Schule.
Unser Sprachförderkonzept basiert auf den Hamburger Bildungsempfehlungen sowie auf dem Leitbild und der Rahmenkonzeption von WABE e.V.

Sprachförderung ist Teil der Entwicklungsförderung. Sie bezieht alle Kinder ein und beinhaltet grundsätzlich eine interkulturelle Erziehung, die sich in zwei Schwerpunkte unterteilt:

  1. Sprachförderung im Bereich „Deutsch als Zweitsprache“:
    • Kinder mit Migrationshintergrund bekommen Unterstützung bei ihrem natürlichen Zweitsprachenerwerb.
  2. Sprachförderung im Bereich „Deutsch als Muttersprache“:
    • Kinder mit besonderen Sprachfähigkeiten bekommen zusätzliche Anregungen für ihre weitere Entwicklung.
    • Kinder mit sprachlichen Ausdrucksschwächen, die zum Beispiel nicht gewohnt sind, Sätze zu bilden, werden spielerisch darin gefördert.
    • Zurückhaltende Kinder werden animiert, mehr zu sprechen.
    • Kinder mit Sprachstörungen werden an externe Therapeuten oder Fachkräfte weitergeleitet und zusätzlich durch Erzieher in ihrer allgemeinen sprachlichen Entwicklung gefördert und unterstützt.

Zielgruppe
Alle Kinder in Kindertageseinrichtungen und insbesondere Kinder nichtdeutscher Erstsprache mit einem besonderen Förderbedarf.

Ziele

  1. Förderung der Zweitsprache (Migrantenkinder) und der Muttersprache in folgenden Bereichen:
    • grammatikalische Lerninhalte
    • sprachliche Handlungsmuster
    • sprachliche Bewusstheit
    • kommunikative Fähigkeiten im Alltag
    • Literacy*
    • sprachliche Fähigkeiten innerhalb der Bildungsbereiche Musik, Theater, Bewegung, bildnerisches Gestalten, Naturwissenschaft, Technik etc.
  2. *Literacy meint die Vermittlung erster Erfahrungen im Bereich Erzähl-, Buch- und Schriftkultur und umfasst Kompetenzen wie Text- und Sinnverständnis, sprachliche Abstraktionsfähigkeit, Lesefreude, Vertrautheit mit Büchern, die Fähigkeit sich schriftlich auszudrücken, Vertrautheit mit Schriftsprache, mit „literarischer“ Sprache oder mit Medienkompetenz.

  3. Daraus ergeben sich nach den Hamburger Bildungsempfehlungen für vier Kompetenzbereiche folgende Ziele:

    ICH-Kompetenzen

    • Sich anderen sprachlich mitteilen: Ich habe etwas zu sagen
    • Ideen entwickeln, andere begeistern
    • Lust auf Sprache und Sprechen, Zutrauen in die eigenen sprachlichen Fähigkeiten und ihre Erweiterung
    • Interesse an Büchern, am Lesen und Schreiben, am Geschichten erfinden
    • Sich der Familiensprache als Teil der eigenen Identität bewusst sein
    • Ein Bild von sich selbst entwickeln, sich darstellen, wissen, „wer ich bin“
    • Medienerlebnisse und damit verbundene Gefühle zum Ausdruck bringen
    • Freude am Gebrauch von Sprache, Sinn für Sprachwitz und die Schönheit von Sprache und Schrift

    Soziale Kompetenzen

    • Sich mit anderen verständigen: Aufmerksam zuhören und auf das Gehörte mit Kommentaren, Fragen und Handlungen reagieren
    • Zuhören, sich einfühlen, in die Perspektive eines anderen versetzen, verstehen wollen
    • In Gesprächen das Wort ergreifen, eigene Interessen vertreten, die eigene Meinung begründen
    • Vorlieben und Ausdrucksformen anderer respektieren
    • Konflikte konstruktiv aushandeln
    • Wissen, mit wem ich wie reden kann
    • Wertschätzung und Neugier für andere Sprachen und Kulturen entwickeln
    • Nicht dulden, dass jemand wegen seiner Sprache gehänselt oder ausgeschlossen wird

    Sachkompetenzen

    • Sprachliche Äußerungen wahrnehmen, verstehen und wiedergeben
    • Deutlich, in ganzen Sätzen sprechen
    • Laute und Lautverbindungen differenziert hören und bilden; phonologisches Bewusstsein: Anfangslaute unterscheiden, gleiche Anfangsbuchstaben erkennen
    • Laute anderer Sprachen kennen, Neugier entwickeln
    • Experimentelle Nutzung von Zeichen- und Schreibutensilien; Zeichen, Symbole und Piktogramme erkennen und verwenden
    • Den eigenen Namen schreiben, Namen der anderen Kinder richtig aussprechen und „lesen“
    • Bedeutung von Schriftzeichen einordnen, Lesen als Entschlüsselung von Botschaften
    • Erzählungen und Geschichten auch ohne Veranschaulichung folgen
    • Ereignisse und Geschichten nacherzählen, selbst erfundene Geschichten erzählen, einen Reim machen, über einen Plan sprechen
    • Medienrealität als gestaltete Realität erkennen, zwischen realem und virtuellem Erleben unterscheiden

    Lernmethodische Kompetenzen

    • Nach der Bedeutung von Worten oder Sätzen fragen, nachfragen, wenn man etwas nicht versteht
    • Eigenes Wissen an andere weitergeben; Bereitschaft, von anderen zu lernen
    • Grundverständnis, dass unterschiedliche Situationen unterschiedliche Kommunikationsstrategien erfordern
    • Bücher und andere Medien als Informationsquellen nutzen, Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammentragen; aus der Fülle von Informationen auswählen, was für einen selbst wichtig ist
    • Grundverständnis, dass Kommunikation über unterschiedliche Medien und Formen der Wahrnehmung möglich ist (Sprache, Telefon, Schrift, Post, Computer, Gebärden, Pantomime, …)

Konsequenzen für die pädagogische Praxis

  • Jede Einrichtung benennt verbindlich eine Fachkraft „Sprache“, die sich als Expertin für den Bereich „Sprache“ kontinuierlich fortbildet und die für Planung, Umsetzung und Kontrolle der Sprachförderung verantwortlich ist.
  • Die Fachkraft Sprache reflektiert ihr Tun regelmäßig, auch im Kontext mit dem gesamten Team. Dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund:
    • Welche Anteile am Sprach- und Kommunikationsverhalten nehme ich ein?
    • Wie deutlich spreche ich?
    • Wie genau höre ich zu?
    • Wie gut frage ich nach?
    • Achte ich auf den sprachlichen Entwicklungsstand des Kindes?
    • Versteht das Kind meinen Wortschatz?
    • Wie variabel kann ich sprachlich reagieren?
    • Was macht mich unsicher in Bezug auf sprachliches und kommunikatives Verhalten?
    • Wo sind meine Stärken im sprachlichen Kontakt?
    • Welches Verhältnis habe ich zu meiner eigenen Sprache?
    • Welches zu fremden Sprachen?
    • Welches Verhältnis habe ich zu fremden Kulturen?
    • Begegne ich der Andersartigkeit der Kinder und deren Eltern mit genügend Offenheit und Wertschätzung?
  • An geeigneten Stellen werden Studenten als Honorarkräfte beschäftigt, die vorzugsweise aus dem Fachbereich DAZ (Deutsch als Zweitsprache) der Universität Hamburg kommen. Sie führen zusätzliche Fördermaßnahmen durch und bereichern den pädagogischen Alltag mit neuen Ideen, Impulsen und aktuellen wissenschaftlichen Trends und Erkenntnissen.
  • Die Sprachförderung erfolgt ganzheitlich. Das heißt, wir haben es nicht nur mit dem Hörer oder dem Sprecher zu tun, sondern immer mit dem ganzen Kind, mit all seinen Sinnen, seinem Bewegungsdrang, seiner Neugier seiner Liebe zu Rhythmus, Musik uvm.
  • Sprachförderung findet grundsätzlich überall statt: Beim Musizieren, beim Turnen, beim bildnerischen Gestalten, beim Freispiel, beim Erkunden, Forschen und Experimentieren, beim Bilderbuchbetrachten, im Morgenkreis, im Kinderrat etc. Erzieher haben dabei eine ständige sprachliche Vorbildfunktion.
  • Kinder mit besonderem Förderbedarf werden zusätzlich gezielt und systematisch gefördert.
  • Die pädagogischen Fachkräfte beobachten und dokumentieren regelmäßig das Sprachverhalten und das Interesse an Sprache der Kinder.

Begleitende Sprachbeobachtung
Inhaltlich werden drei Sprachebenen erfasst:

  • kommunikative Entwicklung
  • Entwicklung des Wortschatzes/der Wortbedeutung
  • Grammatikentwicklung

Die Arbeitsschritte

  • Ermittlung des aktuellen Sprachstandes
  • Erarbeitung von Förderzielen
  • Umsetzen der Ziele in Fördermaßnahmen
  • Überprüfen der Fördermaßnahmen und ggf. Formulierung neuer Förderziele
  • Die aktive Zusammenarbeit mit den Eltern hat Priorität. Ziele einer Zusammenarbeit mit den Eltern sind in erster Linie:
    • Wissen und Erfahrungen über die Sprachentwicklung des Kindes auszutauschen
    • Den Eltern die Bedeutung der Erstsprache (Muttersprache) für den Erwerb der Zweitsprache deutlich zu machen
    • Den Eltern die pädagogische Arbeit im Bereich Sprachförderung vorzustellen
    • Eltern auf ihren Wunsch hin konkrete Anregungen für eine sprachliche Förderung zu geben
  • Die Kita als Sprachraum gestalten. Die Fachkräfte sind angehalten, Sprache didaktisch und methodisch einerseits im Alltag zu integrieren und zusätzlich Orte zu schaffen, die das Thema fokussieren, z.B. in Form von Sprach- oder Lernwerkstätten. Diese Orte fordern Kinder allein durch die Raumgestaltung und die vorhandenen Materialien auf, sich mit Sprache auseinanderzusetzen.
  • Die nachstehend angeführten Bereiche auf dem folgenden Schaubild sollten bei der Sprachförderung von der jeweiligen Fachkraft berücksichtigt werden.
    • Syntax
    • Morphologie
    • Wortschatz
    • Phonetik
    • Diskurs
    • Semantik
    • Gesprächsorganisation
    • Soziale Regeln

Fazit für WABE-Einrichtungen
Unsere Kita ist ein „Haus für alle Kinder“!

  • Pädagogische Fachkräfte leben Erziehung als Dialog (Grundlage der Offenen Arbeit)
  • Konzeptionelle Ausrichtung:
    • Sprachförderung im ganzheitlichen Kontext
    • Sprachförderung ist eingebettet in die alltägliche päd. Arbeit und ist Teil der Konzeption
    • Dialog mit den Eltern
    • Regelmäßige und systematische Beobachtung und Dokumentation des Sprachverhaltens von Anbeginn
    • Den Sprachraum Kita entwickeln und fördern
    • Erfolgreiche Förderung der Sprach- und Sprechentwicklung als Voraussetzung für eine erfolgreiche Mitarbeit in der Schule

Qualitätssicherung
Qualitätssicherung ist die Summe aller Maßnahmen, um die Sprachförderung in den Kitas sicherzustellen.
Verantwortlich für die Qualitätssicherung sind:

  • Die Fachkraft „Sprache“: Sie ist die Expertin im Bereich Sprachförderung. Durch ihr Wissen und Können gelingt es ihr die Kinder zur Sprache zu (ver-) führen. Daneben reflektiert sie regelmäßig die Rolle der Teamkollegen als Sprachvorbild und gibt ihnen ggf. neue Anregungen.
  • Die Kita-Leitung: Sie achtet darauf, dass die Vorgaben des Trägers eingehalten werden und unterstützt die Fachkraft „Sprache“ durch Information und Reflexion.
  • Der Träger: Er entwickelt das Konzept zur Sprachförderung und kontrolliert die praktische Umsetzung in den Einrichtungen. Er stellt Mittel für Fortbildungen und Weiterbildungsmaßnahmen zur Verfügung.

Literatur
Hamburger Bildungsempfehlungen für die Bildung und Erziehung von Kindern in Tageseinrichtungen. Freie und Hansestadt Hamburg. November 2005

Das Kind zur Rose machen. Zur Philosophie des offenen Kindergartens. K. Klattenhoff, R. Pirschel, A.-J. Wieland. InfoPöduI-Verlag 1999

Didaktisch-methodische Empfehlungen für die Sprachförderung vor der Einschulung. Niedersächsisches Kultusministerium. Januar 2004

Sprachförderkonzept für Vorkindergartenkinder. Eine Ergänzung zum Betreuungskonzept K5-Kinderhort, Basel. November 2003

Die Sprachentwicklung von Migrantenkindern im Kindergarten - der Beobachtungsbogen SISMIK. M. Ulich, T. Mayr. Bezirksregierung Hannover. JiN Sonderausgabe 8. November 2003