Rahmenkonzeption

Unser Bild vom Kind
Die Rahmenkonzeption gibt allen WABE-Einrichtungen verbindliche Grundvoraussetzungen ihrer Arbeit vor. Darauf aufbauend haben die einzelnen KiTa-Leitungen die Möglichkeit, diesen vorgegebenen Rahmen nach eigenen Wünschen zu füllen.

Als Präambel hier die Anregungen der EG-Kommission zur „Qualität in Kinderbetreuungseinrichtungen“ (1992)¹:

  • Ein gesundes Leben
  • Spontane Meinungsäußerung
  • Respektierung der eigenen Persönlichkeit
  • Würde und Selbstständigkeit
  • Selbstvertrauen und Begeisterung beim Lernen
  • Ein angemessenes Lern- und Betreuungsumfeld
  • Geselligkeit, Freundschaft und Zusammenarbeit mit anderen
  • Kulturelle Diversität und Vielfalt
  • Zugehörigkeit zu einer Familie und Gemeinschaft
  • Glück

Der Kindergartenbesuch bedeutet für Kinder wie für Eltern eine große Veränderung. Die Entscheidung der Eltern für einen Kindergartenbesuch verlangt auch von ihnen, die Wahl der angemessenen Einrichtung zu treffen und sich vorher sowie später begleitend zu informieren. Aber immer ist es wichtig zu wissen, dass zwar die Eltern die Entscheidung treffen und sich für ein Angebot und/oder eine Einrichtung entscheiden, dass aber vor allem die Grundlage sein muss:
Was ist wichtig?
Was braucht mein Kind?
und nicht dahinter der Wunsch der Eltern steht, was sie für ihr Kind erfüllt sehen möchten.

Der Besuch einer Kindertagesstätte bedeutet für Eltern und Kinder die erste Trennung vom häuslichen, überschaubaren Umfeld. Es ist daher verständlich, wenn Eltern sicher sein möchten, dass ihr Kind nicht „abgegeben“, sondern von Mitarbeiter/innen angenommen wird.

Der Kindergarten hat heute viele Gesichter und unterschiedlichste Aufgaben. So ist häufig nicht mehr allein die wirtschaftliche Situation der Grund, einen Platz im Kindergarten zu suchen. Die sich schnell wandelnde Gesellschaft stellt an Frauen und Männer, Mütter und Väter Anforderungen verschiedenster Art. Rollenbilder müssen erfüllt, Leistungen erbracht, Anpassung an unterschiedliche Gegebenheiten vollzogen werden. Dies kann die Familie allein nicht leisten. In der heutigen Zeit wird die herkömmliche Familienstruktur (Eltern und eigene Kinder) mehr und mehr durch andere Familienformen ergänzt (Einzelkinder, Alleinerziehende, „Patchworkfamilien“ etc.). Hinzu kommt die Entwicklung der Informations-, Medien- und Konsumgesellschaft, die Eltern und Kinder unterschiedslos als Verbraucher anspricht. Aus diesen Wahrnehmungen heraus sollte der Kindergarten den Kindern die Möglichkeit geben,

  • sich altersgemäß zu entfalten und zu betätigen,
  • sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit zu entwickeln,
  • Kontakte, Bindungen und Beziehungen außerhalb des familiären Umfeldes aufzubauen und zu erhalten.

Die Kindertagesstätte kann keine Familie ersetzen. Aber sie kann ihre Aufgabe darin sehen, das Angebot aus den Bedürfnissen der Kinder zu entwickeln und dabei zu beachten, dass dieses als eine allmähliche Erweiterung des familiären Rahmens geschieht. Darin arbeitet sie zum einen familienergänzend und macht zum anderen das Bewusstsein ihrer Eigenständigkeit nach außen deutlich.

Die Eigenständigkeit der WABE-Einrichtungen besteht darin, dass sie sich in der Arbeit an den Bedürfnissen der Kinder orientieren. Zahlreiche Gesichtspunkte finden hier Berücksichtigung durch das Angebot, die Gestaltung der Räumlichkeiten, Einbeziehung des Umfeldes. Konsequenterweise wirken die Einrichtungen von Standort zu Standort, von Stadtteil zu Stadtteil sehr unterschiedlich. Einig sind wir uns in der Aussage, dass wir in unserem Angebot keine gezielten „Beschäftigungen“ und mechanischen Übungen von Fertigkeiten wollen, die an einer Leistung im Sinne von Benotung und Kontrolle gemessen werden könnten. Von Kindern ist diese Meßlatte nicht erfunden worden, sondern es entspricht eher der Haltung von Erwachsenen, Leistungsziele vorzugeben und einzufordern. Unsere Aufgabe ist es daher, einen Platz für Kinder zu schaffen, an dem sie sich in ihrer eigenen Weise, zu eigenen Bedingungen und in ihrem eigenen Tempo entwickeln können. Die Mitarbeiter/innen sind in diesem Rahmen Begleiter vieler verschiedener Situationen und Möglichkeiten.

Der Alltag bietet für jedes Kind Stationen, um etwas zu entdecken, zu erfahren und auszuprobieren. Die Kindertagesstätte ist der Ort, wo Kinder ohne Druck die Möglichkeit haben, etwas zu erleben. Ohne den Druck, der häufig Erwachsene zu den Aussagen bringt, wie

  • Das verstehst du (noch) nicht!
  • Ich helfe dir, damit es schneller geht!
  • Später, du störst jetzt!

und damit die Kinder um Selbsterfahrung bringt und sie in ihrer Erkenntnis bremst.

Es ist unser Wunsch, durch ein bewusstes Leben die Alltagswelt durchschaubarer zu machen. Dabei wollen wir den Kindern Halt, Zuverlässigkeit und Vertrauen vermitteln, damit sie für ihr Leben nach der Kindergartenzeit zu stärken.

Nicht nur das Alltagsleben ist für unseren Ansatz ein wichtiger Punkt, sondern im Mittelpunkt steht das Spiel, um Wissen und Erkenntnis zu erlangen. Das Spiel ist die „Arbeit des Kindes“. Hier kann in verschiedenen Rollen das Leben bewältigt werden, hier werden Ängste verarbeitet, Wünsche erfüllt.

Durch das Zusammenfinden der einzelnen Gruppen entstehen Kontakte, Beziehungen und Freundschaften, aber auch Abneigungen und lose Bindungen. Es entwickeln sich Regeln und Gebote, die aus dem Gruppenverband zu verstehen sind und nicht leer und ohne Zusammenhang aufgestellt werden. Jedes einzelne Kind erfährt sich in der Gemeinschaft, sucht, findet und behauptet seinen jeweiligen Platz in vielschichtigen, häufig wechselnden Zusammenhängen. Es macht dabei die Erfahrung, dass eine Gruppe eigene Gesetzmäßigkeiten hat.

Die Familie ist der Ort, an dem ein Kind Werte und Normen erlebt. Aber erst in einer neuen und größeren Gemeinschaft kann es die Vielfalt der Lebensweisen und den Stellenwert eigener und anderer Ansichten erfahren.

Unsere heutige Gesellschaft verlangt Erwachsenen sehr viel ab: Leistungsdruck wird immer stärker spürbar, soziale Bindungen werden in Frage gestellt, Familienstrukturen werden brüchig, Arbeitsplätze sind nicht mehr selbstverständlich. In diesem Netz tragen oder übernehmen Kinder häufig schon Verantwortung, die sie ihrer Entwicklung nach weder verstehen noch eigentlich leisten könnten. Kinder verstehen die Welt nicht und haben immer weniger die Möglichkeit, sie verstehen zu lernen.

Selbst in der Kindertagesbetreuung bemächtigen sich Erwachsene der Situation. Tagesabläufe werden bestimmt und geregelt. Ein Kindergarten steht heute vor der Herausforderung, die genannten Probleme zu bewältigen, er steht in Konkurrenz zu anderen Einrichtungen und er muss sich der Ausrichtung seines Angebots bewusst sein.

Ein Kindergarten ist eine so kleine Gemeinschaft, dass wenig Möglichkeit besteht, das Umfeld oder gar die Gesellschaft beeinflussen zu können. Vielmehr liegt die Chance im Erkennen und der Akzeptanz der gegebenen Situation. Daraus ist ein Angebot abzuleiten, mit dem Kinder Selbständigkeit und eigene Strategien entwickeln können. Das heißt: Die Kinder sollen in selbstbestimmtem Tun eigenes Handeln in vielfältiger Weise neu ausprobieren, üben und überprüfen.

Dem Kind sind in der Kindertagesstätte Zeiten und Räume zur Verfügung zu stellen, in denen Erwachsene ihre Hilfe, Anregung und Begleitung anbieten. Dies für Kinder als selbstverständlich zu betrachten heißt für die Erzieher/innen, das Kind als eigenständiges Wesen anzunehmen und zu respektieren.

Die Erzieher/innen müssen ihre Vorstellungen von Kinderbedürfnissen überdenken und zurücknehmen. Aus der Beobachtung heraus müssen sie lernen und erkennen, ihre Fähigkeiten dem Interesse des Kindes unterzuordnen. In der Begegnung zweier Menschen ist die Voraussetzung für eine gelingende Beziehung gegeben, wenn beide die Rechte, Pflichten und Bedürfnisse der anderen kennen und akzeptieren.

Mit den immer stärker in den Vordergrund rückenden Vorstellungen von Erwachsenen darüber,

  • was Kinder können müssen und
  • wie Kinder sein dürfen,

verkümmern die Fähigkeiten und Kräfte, die einen Menschen erst in den Stand versetzen, sich in der Gesellschaft zu bewähren. Kinder haben ein eigenes Recht darauf, sich die Welt anzueignen. Alle Fähig- und Fertigkeiten müssen erprobt und gefördert werden. Das Kind muss hierfür selbst die Richtung und das Tempo bestimmen.

¹ Regel/Wieland: Offener Kindergarten konkret. Veränderte Pädagogik in Kindergarten und Hort.
Hamburg 1993, S. 54.