Häufige Fragen zur Offenen Arbeit

Das pädagogische Konzept der Offenen Arbeit entspricht unserem Denkansatz. Auf dieser Basis setzen unsere Einrichtungen in unterschiedlichen Sozialräumen ihre individuellen Vorstellungen um:

• Wir vertrauen den kindlichen Entwicklungskräften, bauen auf ihren Lebensmut, ihre Unternehmungslust und ihren Wissensdurst.
• Wir unterstützen ihre Spontaneität, ihre Kreativität, ihre Entwicklung von
Selbständigkeit und Selbstbestimmtheit sowie ihr Erleben, ein bedeutender Teil der Gesellschaft zu sein durch unterschiedliche Spiel- und Erfahrungsräume und Interessengruppen.
• Unsere Einrichtungen stehen allen Kindern unterschiedslos offen mit Toleranz gegenüber Staatsangehörigkeit, ethnischer Herkunft, Religion und sozialer Stellung.
• Unser Ziel ist Selbständigkeit, Handlungsfähigkeit und Liebesfähigkeit.
• Wir haben gewachsene Schwerpunkte, es ist die Liebe zu Tieren, es ist die Liebe zu Musik, zur Kunst. Alles hat seinen Platz.
• Wir möchten, dass am Ende der Betreuungszeit fröhliche, selbstbewusste und selbständige Kinder ihren Lebensweg fortsetzen, und dass diese Kinder eine aktive, lebendige, spannende, fantasiereiche und wertvolle Entwicklungszeit erleben durften.

Im Folgenden haben wir die von Eltern am häufigsten gestellten Fragen in Bezug auf die Offene Arbeit im Überblick aufgelistet:

Bedeutet Öffnung von Gruppen nicht, dass die Kinder ihre Orientierung verlieren?

Kinder verlieren ihre Orientierung nicht, wenn die Räume klar strukturiert sind und der Tagesablauf Orientierungspunkte bietet, so dass die Kinder sich in der erweiterten Kita-Welt zurechtfinden können. Werden sie während der Eingewöhnungszeit dabei unterstützt, lernen auch die Jüngsten, sich umzuschauen und sich zu orientieren.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Kinder im Haus oder auf der Etage verloren gehen?

Eine Etage ist ein überschaubarer Bereich. Ein Haus ebenso. Und das Kita-Gelände ist gesichert, so dass kein Kinde ohne weiteres verloren gehen kann. Ist die Kita-Welt spannend genug und geht es den Kindern dort rundum gut, dann fehlt die Motivation zum Weglaufen.

Wie wissen wir, wo sich die Kinder aufhalten?

Dafür gibt es unterschiedliche Systeme. Allen ist gemeinsam, dass die Kinder melden, wo sie hingehen. Wir halten es übrigens für weniger wichtig, immer zu wissen, welches Kind sich wo aufhält, als vielmehr, dass die Kinder überall erwachsene Ansprechpartner finden. Außerdem plädieren wir dafür, dass es in der Kita auch erwachsenfreie Zeiten und Zonen geben soll.

Wer behält welche Kinder im Auge? Sind alle ErzieherInnen für alle Kinder zuständig?

Jede Erzieherin ist für die Kinder da, die sich in ihrem Blickfeld aufhalten. „Meine Kinder - deine Kinder" gibt es nicht. Wenn ein Kind Hilfe, Unterstützung oder das Gespräch mit einer Erzieherin sucht, ist sie zuständig.

Wie funktioniert die Eingewöhnung?

Während der Eingewöhnung steht eine bestimmt Erzieherin für das Kind bereit. Sie bietet ihm während der ersten Zeit einen sicheren Hafen und steht den Eltern als Gesprächspartnerin zur Verfügung. Auf diese Weise entsteht allmählich ein Vertrauensverhältnis. Um Irritationen zu vermeiden, zum Beispiel wenn diese Erzieherin plötzlich mal ausfällt, werden in der Regel zwei Erzieherinnen für die Eingewöhnung von neuen Kindern eingeteilt. Aus diesen anfänglichen Zuordnungen entstehen die sogenannten Bezugsgruppen. Wenn ein Kind auf der Basis wachsender Sicherheit seine Fühler weiter ausstreckt, kann es sich auch eine andere Lieblingserzieherin aussuchen. Die Bezugsgruppen sind veränderbar.

Gehen neue und jüngere Kinder nicht unter?

Da sich die meisten Kinder sehr selbständig im Kindergarten bewegen, haben die Erwachsenen Zeit, sich intensiver um diejenigen zu kümmern, die das noch verstärkter brauchen. Wie für alle anderen Altersgruppen müssen auch für Babys und Kleinstkinder Räume geschaffen werden, die ihren Bedürfnissen entsprechen, ohne sie zu über- bzw. unterfordern. Zwischen „Inseln" für die Jüngsten und dem übrigen Bereich muss Durchlässigkeit bestehen: Besuche und Ausflüge in und aus dem Krippenbereich sind ausdrücklich erlaubt. In jedem Alter haben Kinder das Recht auf eine anregende und herausfordernde Umgebung, auf Freiräume, auf die eigensinnige Erkundung ihrer Welt und auf den Rückzug.

Wie kann ein Gruppengefühl ohne feste Gruppe entstehen?

Es gibt feste Gruppen und Gruppenerlebnisse, zum Beispiel: Projektgruppen, Arbeitsgruppen, Kinderkonferenzen - oder -parlamente. In manchen unserer Häuser treffen sich die Bezugsgruppen zu bestimmten Zeiten. Und natürlich entstehen Freundesgruppen. Nur die „Verwaltungseinheit" Gruppe gibt es nicht. Ein Gruppengefühl kann nicht erzwungen werden. Es entsteht durch gemeinsame Aktivitäten, wechselseitiges Interesse, Freundschaften, gemeinsames Tun. All dies findet in Offener Arbeit statt - allerdings frei gewählt.

Bekommen wir die Entwicklungen der einzelnen Kinder noch ausreichend mit?

Ja, wenn wir im intensiven Austausch bleiben und unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen der einzelnen Kinder besprechen. Dies verringert auch die Gefahr einseitiger und subjektiver Bewertungen. Die Bezugserzieherin, die in der Regel ein enges Verhältnis zu den Kindern hat, die sich ihr freiwillig zugeordnet haben, verfolgt deren Entwicklung besonders aufmerksam. In unseren Einrichtungen wird regelmäßig beobachtet und dokumentiert, worauf sich die Interessen der Kinder richten und was in ihrer Entwicklung gerade „dran" ist. Hierüber werden mit den Eltern regelmäßig Entwicklungsgespräche geführt, optimalerweise einmal im Halbjahr, mindestens jedoch einmal im Jahr.

Wie kann die Verantwortlichkeit für Räume und Materialien gesichert werden, wenn es keine festen Gruppenräume und Gruppenerzieherinnen gibt?

Verantwortlichkeit ist eine Frage von Absprache und Verbindlichkeit. Sinnvoll ist, Verantwortungsbereiche nach Interesse und Kompetenz festzulegen. Dies bringt den benötigten Schwung und ein vielfältiges Ideenreichtum in die Gestaltung der Räume. Zuständigkeiten für Räume werden hierbei festgelegt, sie sollten jedoch nicht für immer und ewig festgeschrieben werden, um die berühmten „blinden Flecke" in der Routine zu vermeiden. Aber so lange es einer Erzieherin Spaß macht, kann sie sich auf den Bereich ihrer Wahl konzentrieren, sich damit befasse und sich regelmäßig über Neuerungen informieren. Sind Verantwortlichkeiten nicht vorhanden, scheitern selbst die schönsten Vorhaben. Wie immer steht und fällt das Maß der Bildungschancen für die Kinder mit der Kompetenz der Erwachsenen.

Wenn alle Kinder machen können was sie wollen, wird es dann nicht zu chaotisch?

Im Gegenteil. Nach unserer Erfahrung wird es ruhiger und entspannter, wenn alle Kinder ihren jeweiligen Interessen nachgehen, Anregungen finden und sich intensiv auf Spiel- und Arbeitsprozesse einlassen können. Treffen sich Kinder mit ähnlichen Bedürfnissen, verringert sich das Konfliktpotential. Übrigens ist auch das Herumrennen wichtig. Doch wenn Kinder dabei bleiben, heißt das: Sie finden nichts, das ihr Interesse weckt. Ein Fall für die Selbstreflexion des Teams.

Besteht nicht die Gefahr, dass manche Kinder sich bestimmten Tätigkeiten entziehen, zum Beispiel nie basteln?

Vorweg: Die Entscheidungen der Kinder werden grundsätzlich respektiert!
Alle Bereiche bieten viele unterschiedliche Erprobungs-, Erfahrungs- und damit Entwicklungsmöglichkeiten. Lebenspraktische Fähigkeiten - zum Beispiel der Umgang mit Stift und Schere - erwerben die Kinder quasi nebenbei. Da auf der Grundlage aufmerksamer Beobachtung Räume gestaltet, Materialien ausgesucht und Angebote gemacht werden, können wir uns darauf verlassen, dass die Kinder das für sie Richtige suchen und finden. Entscheidet ein Kind sich aktuell für einen bestimmten Bereich, heißt das: Es richtet all seine Antennen auf diesen Bereich. Dadurch besteht die größtmögliche Bildungschance. Bei „Zwangsbasteln" käme sie nicht zustande.

Was, wenn die Kinder zu manchen Erzieherinnen oft und zu anderen nie wollen?

Kinder signalisieren mit ihrer Entscheidung etwas Wichtiges. Das kann eine besondere Beziehung sein, Interesse oder Desinteresse an einem Angebot. Folglich müssen die Erzieherinnen sich fragen, warum ihre Angebote von Kindern nicht genutzt werden. Erneut ein Fall für die Selbstreflexion des Teams.

Brauchen Kinder nicht die Kontinuität, die eine bestimmt erwachsene Person bietet?

Wenn Kinder Kontinuität brauchen, werden sie sie finden. Sie haben die Wahl. Niemand hindert sie, sich einer bestimmten Erzieherin kontinuierlich anzuschließen. Wir sträuben uns lediglich gegen erzwungene/aufgezwungene Kontinuität.

Dürfen die Kinder essen gehen, wann sie wollen?

Fast - denn unser Frühstücksbuffet wird u.a. aus hygienischen Gründen nach einem Zeitraum von längstens 2 Stunden abgeräumt. Es verbleiben jedoch immer kleine Snacks. Wir möchten, dass die Kinder dann frühstücken, wenn sie wirklich Hunger haben. Wir motivieren und erinnern sie regelmäßig, aber wir zwingen kein Kind zum Essen.

Wir gehen davon aus: Wenn unser Buffet ansprechend, vielfältig und reichhaltig ist, werden die Kinder auch essen. Wir achten bei unserem Angebot auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung.

Wie kann der Individualität der Kinder organisatorisch entsprochen werden?

Die Organisation des Tagesablaufs - Bringzeiten, Essenszeiten... - wird flexibilisiert. Das ist in aller Regel kein Problem und bedarf lediglich einer gemeinsamen Abstimmung in Form von Betreuungsplänen. Durch eine offene Kommunikation können hier die Bedürfnisse sowohl des Kindes als auch der Eltern in einem vernünftigen und ausgewogenen Maß berücksichtigt werden.

Teilbereiche aus: Betrifft KINDER 05/2006
Fragen und Antworten zur Praxis der Offenen Arbeit